Glückauf!

Wenn irgendwo mitternächtlich geschrieen wird, dann ja wohl in Clausthal-Zellerfeld. Das ist da fast so wie in der Bibel: „Der Steiger spricht: Wo zwei oder drei in meinem Namen zusammen sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ Jedenfalls wenn sie dabei Bier trinken und es Mitternacht schlägt. Da kennt seine Fakultätsstrophe auch der letzte Sinograph, der bekiffteste Grubengermanist – und was es alles sonst noch dort nicht und auch nirgendwo anders gibt. Das alles durfte ich zwar bereits am 7. Februar 2014 erleben, aber geändert hat sich daran so schnell bestimmt nichts, weil sich in Clausthal-Zellerfeld so schnell gar nichts ändert.

Mineraliensammlung

Da lacht das Geologenherz

Aktiven Bergbau gibt es halt nicht mehr so arg viel in Clausthal-Zellerfeld und Umgebung. Das hat sich geändert – wenn auch nicht binnen eines halben Jahres. In solch ehemaligen Revieren trauern die Menschen ihrer Tradition lange nach. Deswegen werden die „Bärchen“ (Erstsemester) hier auch vom Rektor noch zu den Studentenverbindungen geschickt, um sich ein Zimmer zu suchen. Denn die Korporierten tragen Bergmannskittel, und die sieht man gerne auf Clausthal-Zellerfelds Straßen. Ich finde die als studierter Geologe natürlich auch toll und muss dringend bei der nächsten Weinheim-Tagung einem bewusstlosen Corps-Studenten irgendeiner Montan-Hochschule so ein Teil klauen (#natürlichnicht).

In Clausthal-Zellerfeld hingegen war ich beim VDSt Clausthal, und es war fast so viel los wie damals in Marburg bei der ersten Lesung auf dem Haus der L!Hasso-Borussia. Das lag aber weniger daran, dass Clausthal-Zellerfeld so ein studentisch-brummendes Pflaster ist wie Marburg. Das lag eher daran, dass da verdammt wenig brummt außer hie und da ein Generator, wo am Stadtrand die Stromleitungen enden. Folglich waren so ziemlich alle da, die eben gerade da waren. Denn wo wenig anderes lockt, brummt die einzelne Veranstaltung um so mehr. Und so viele herrliche Bergmannskittel gab es da! Nur wurde leider niemand bewusstlos. Aber des Geologen Herz freuen auch Dinge wie die hauseigene Mineraliensammlung und das Absingen (fast) sämtlicher Fakultätsstrophen des Steigerliedes zur Mitternachtsstunde inklusive der eigenen, zum Glück mit noch einem weiteren anwesenden Geologen:

Denn wir klopfen auf die Steine, aber Ahnung ham wir keine…

Am erinnerlichsten aber blieb mir eine Anekdote, die man mir an diesem Abend erzählte. Es ist mit Sicherheit lohnender, diese zu erzählen, auch wenn ich ein paar Details vergessen habe, als sich im üblichen „schön war’s, nette Menschen, etc.“ zu ergehen.

Es war einmal in einer noch nicht allzu lang vergangenen, düsteren Zeit, da zog die Universitäts-Inquisition durch die Lande. Zwar war es nicht Ziel der Inquisitoren, Professoren und ihre Werke der Ketzerei wegen in seelenreinigenden Flammen aufgehen zu lassen, so sie nicht ihren Lehren abschwören mögen, aber finster war ihr Ansinnen dennoch und durchaus. Denn der König hatte erlassen, man möge die Akademien in seinem Lande schließen, die zu viele Gelder verschlüngen, die man nicht brauche oder die nichts als nichtsnutzige Tagediebe ausbildeten. Um es dem Volke ein wenig zu versüßen, sprach man von „Zusammenlegung“ von „Konsolidierung“ und anderen Augenwischereien. Aufgrund falscher Zahlen und übler Nachrede durch von Dämonen besessenen Höflingen, hatte die Inquisition nun auch die 1775 gegründete „Clausthaler montanistische Lehrstätte“ auf die Liste der zu eliminierenden Häuser gesetzt. Welches höllische Untier ihnen eingeflüstert hatte, ausgerechnet diese Stätte der vorbildlichen Ausbildung von Ingenieuren und lauter nützlichen, ehrbaren Berufen schließen zu wollen statt eines Höllenpfuhls voller Soziologen, Politologen, Juristen und Pädagogen, das weiß nur der Teufel. Es begab sich also, dass einer der Inquisitoren, der sich selbst „Minister“ nannte, das Städtchen besuchte und von einem Instituts-Balkone zum Volke sprach, um ihm die Idee schmackhaft zu machen. Dem Volke aber schmeckte die Idee nicht im geringsten. Und so trugen die kreuzbraven Leut, die vor Ort mit der Ausrichtung des Besuche des Inquisitors betraut worden waren, den aufrechten Studenten des Städtchens zu, durch welche Hintertür der „Minister“ das Institut, von dem aus er sprach, wieder zu verlassen gedachte. Denn er hatte Angst vor dem Zorn derer, denen man erst die Minen genommen hatte und nun ihre Lehrstätte nehmen wollte. Als der böse Mann also feige durch eine kleine Tür in den rückwärtigen Hof schlich, erwartete man ihn dort bereits. Rund um den Hof hatten einige Hundert Studenten sich aufgereiht, alle in Bergmannskitteln schwarz wie die Nacht und mit ihren Bändern und Mützen angetan – eine schwarze Wand durchzogen und gekrönt vom Feuer der Farben. In der Mitte des Hofes aber stand einsam und verloren ein kleines Mädchen von vielleicht sechs oder sieben Lebensjahren. Sie reckte mit aller Kraft und all ihrer Verzweiflung ein großes Schild in die Höhe auf dem die folgenden Worte geschrieben standen: „Warum willst Du meine Heimat kaputt machen?“. Dem sogenannten Minister ward angst und bange ob der schwarzen Wand, die seinen Weg versperrte, und so kniete er vor dem kleinen Mädchen nieder und sprach einige wenige leise Sätze mit ihm. Das Mädchen und er sollten später das einzige sein, wovon im Reich erzählt wurde und wovon man Bilder zu sehen bekam. Von der schwarzen Wand sprach niemand. Von der schwarzen Wand, die den Inquisitor letztlich doch hatte passieren lassen. Bei Hofe aber begutachtete man die Zahlen neu und schloss die Clausthaler montanistische Lehrstätte nicht.

PS: Tolle Geschichte. Hab beim Aufschreiben schon wieder Pippi inne Augen…

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Über trinkzwang

Das Buch:          Männer-WG mit Trinkzwang    ab 02.07.2012 im Handel "Nenn mich gern weiter Burschi. Ich für meinen Teil bin Sängerschafter. Wir singen manchmal auch vor dem Saufen."        Über die Zimmersuche landete ich 1989 in einer Studentenverbindung. Eigentlich wollte ich nur sechs Wochen bleiben, doch es sieht inzwischen so aus, als würde ein ganzes Leben daraus. Denn auf dem Haus gab es nicht nur ein billiges Zimmer, sondern auch immer etwas zu erleben - auch heute noch, wenn ich immer mal wieder da bin. Im Buch kommt viel Alkohol vor, zudem diverse Verbindungen unterschiedlicher Gattung, Trinkrituale, das Fechten, die Frage nach Historismus, Chauvinismus oder harmlosem "Trachtenverein", seltsame Typen, eine vernachlässigte Freundin, ein paar andere Frauen, ein Revoluzzer, die Uni, einige Kneipen, eine jamaikanische Gottheit, die Bands "Minor Threat" und "Fuck No!" und ein sehr schöner Baum.
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