Seltene Spezies: der Großstadtsalamander

Mein Freund Thomas meint ja immer, ich solle auch nach Berlin ziehen. Ich glaube, er meint das nett und nicht völlig ernst. Mir hingegen ist klar, dass ich das mit Sicherheit nicht tun sollte, da es genau zwei Möglichkeiten gibt, wie das enden würde. Entweder hätte ich mich in Berlin binnen zwei Jahren totgesoffen und/oder –geschlafentzugt und/oder –gesonstwast oder mir wäre der Dauerzirkus rechtzeitig langweilig. Dann würde ich mich fragen, was ich eigentlich in Berlin mache, zumal es um Berlin herum nur Brandenburg gibt, während da, wo ich wohne, zwar überhaupt kein bisschen Berlin ist, aber dafür drum herum auch absolut nicht nur Brandenburg ist.

Oder kurz gesagt: es war wie immer toll in Berlin, auch wenn das schon wieder drei Wochen her ist. Ich habe wie immer viel zu wenig geschlafen und viel zu viel getrunken. Das fing schon Freitagabend bei Curry 7 an (ganz ohne Corpsstudenten), auch wenn Fred nicht persönlich anwesend war, ging in der Bull Bar weiter und endete nach zwei weiteren Stationen, an die ich mich (wie so oft) nicht erinnere, wie so oft im Dunker Club, weil der nun mal bei Thomas um die Ecke ist. Tolle Sache eigentlich. Nur ist es für den eindeutig über dreißigjährigen Herrn Autor nicht mehr ganz so leicht wie in der guten alten Zeit, wenn er um sieben Uhr morgens ins Bett geht, um elf aufsteht, um zwölf planlos aus der Tür heraus und in das in das kalte Berlin hinein fällt und er um vier am Nachmittag schon wieder bestens aufgelegt Lesung halten soll. Da helfen auch zwischenzeitlich eingeworfene vietnamesische Süppchen, Nigiris und Kaffees herzlich wenig. Aber was kann ich denn auch dafür, dass sich so eine Landsmannschaft Spandovia ausgerechnet in Berlin ansiedelt? Da muss man ja schon zerstört ankommen, wenn man einen Abend vorher angereist ist.

The day after

The day after

Es reichte dann trotzdem gerade noch so, meinen lieben Freund und Poetry-Slam-Kollegen Micha in seinem zweiten Wohnzimmer, dem Gorki Park, zu treffen, wo er mir zum Glück in der liebevollen Pflege der russischen Betreiberinnen gut aufgehoben scheint. Der wollte nämlich mit zur Lesung und anschließenden Kneipe auf dem Spandauerhaus. Und so was freut mich immer ganz ungemein. Erstens freut es mich immer, ihn zu treffen, und zweitens freut es mich, wenn bis dahin korporativ unvorbelastete Menschen einfach mal mitkommen, weil es sie tatsächlich interessiert. Und genau so ein Fall war das – gleich doppelt. Denn zu allem Überfluss hatte auch noch die Berliner Buchhandlung Boetzowbuch zugesagt, die Lesung mit einem Büchertisch zu betreuen – keine Selbstverständlichkeit in Zeiten wilder Burschenschaftsdiskussionen in der Presse, die eine Mehrheit wohl weiterhin nicht von Landsmannschaften, Sängern, Turnern, Corpsstudenten u.v.a unterscheidet. Nur ich für meinen Teil wurde der rundum hübschen Lage nicht gerecht und schwitzte und zitterte vor mich hin, bis ich auf dem schönen Hause Spandoviae endlich das erste Konterbier zu mir nahm. Ab da wurde alles besser, die Spandauer waren sowieso exquisite Gastgeber und die Lesung verlief ohne Kreislaufzusammenbrüche meinerseits. In solchen Momenten bilde ich mir dann oft ein, irgendeine Gottheit müsse mich irgendwie mögen und mich davor bewahrt haben zustandsgemäß zusammenzubrechen… Der einzige Zwischenfall war letztlich eine Frage nach der Lesung, die mir vorwarf „viel Fäkalsprache“ zu benutzen, was ja „im Fernsehen“ schon schlimm genug sei und warum denn auch ich? In dem Moment konnte ich dazu nur sagen, dass ich manchmal direkte Rede so wieder gegeben habe, wie sie eben war und ist. Nachträglich möchte ich noch anmerken, dass ich auch nicht weiß, warum ich so eine verfickte Kackscheiße zusammengeschrieben habe, dass es mir aber dennoch einen Arsch voll scheißgeilem Spaß bereitet, sie immer mal wieder vorzulesen.

Er ist das Bahnfahren nicht gewöhnt

Er ist das Bahnfahren nicht gewöhnt

Es folgte eine sehr schöne Kneipe, die sogenannte Altherren-Kneipe der Spandovia, bei der dem Erstkneipanten Micha so einiges geboten wurde. Denn auf einer einzigen Kneipe dem Reiben eines Salamanders (hat wie immer nur mit Bier und nichts mit Amphibien zu tun), einer Aktivmachung und einer Rede über Blaumeisen eines Waffenbruders aus der Familie eines Ex-Bahn-Vorstandsvorsitzenden beiwohnen zu dürfen, ist eindeutig mehr als Standard. Am nächsten Morgen wurde das Ganze dann noch von einem Berg Zwiebelmett gekrönt, der nur knapp kleiner war als der begleitende Brötchenhaufen. Nur gegenüber dem freundlichen Philister Spandoviae, der mich – selber ortsfremd – dann noch in einer kleinen Odyssee zum Bahnhof fuhr, habe ich bis heute ein klein wenig ein schlechtes Gewissen.

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Über trinkzwang

Das Buch:          Männer-WG mit Trinkzwang    ab 02.07.2012 im Handel "Nenn mich gern weiter Burschi. Ich für meinen Teil bin Sängerschafter. Wir singen manchmal auch vor dem Saufen."        Über die Zimmersuche landete ich 1989 in einer Studentenverbindung. Eigentlich wollte ich nur sechs Wochen bleiben, doch es sieht inzwischen so aus, als würde ein ganzes Leben daraus. Denn auf dem Haus gab es nicht nur ein billiges Zimmer, sondern auch immer etwas zu erleben - auch heute noch, wenn ich immer mal wieder da bin. Im Buch kommt viel Alkohol vor, zudem diverse Verbindungen unterschiedlicher Gattung, Trinkrituale, das Fechten, die Frage nach Historismus, Chauvinismus oder harmlosem "Trachtenverein", seltsame Typen, eine vernachlässigte Freundin, ein paar andere Frauen, ein Revoluzzer, die Uni, einige Kneipen, eine jamaikanische Gottheit, die Bands "Minor Threat" und "Fuck No!" und ein sehr schöner Baum.
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Eine Antwort zu Seltene Spezies: der Großstadtsalamander

  1. liebestattdrogen schreibt:

    Habe gerade dank Micha dein Buch gelesen (er hatte es empfohlen). Das hat großen Spaß gemacht und ich bedauere es fast, nicht in einer Verbindung studiert zu haben.
    Wenn du mal wieder in Berlin bist, gib bescheid. Vielleicht passt es zeitlich und du könntest spontan einen Gastauftritt bei “LSD – Liebe Statt Drogen” einlegen.
    Viele grüße, Ivo (Lesebühnenkollege von Micha)

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