Burschentag in Stuttgart – Und was soll das jetzt heißen?

Sonntagabend haben anscheinend ein paar Hundert Menschen bei diesem Blog hier vorbei geschaut. Und das obwohl mein letzter Beitrag zwei Tage alt war. Eine statistische Auffälligkeit. Ich befürchte fast, da wollte mancher nachsehen, ob der Hohage wohl eine Meinung zum Hauen und Stechen innerhalb des Dachverbandes „Deutsche Burschenschaft“ (DB) hat. Und ich schreibe „befürchte“, weil ich die zwar habe, sie aber nicht für besonders spektakulär halte. Sie lautet zusammengefasst:

„Und nu, meine Herren, wat soll dat?“

Vor allem habe ich als Sängerschafter keine Lust zum Burschenschaftologen zu werden und mich en Detail mit den Dutzenden Anträgen, deren Diskussion und Ergebnissen der außerordentlichen Tagung vom 23-25.11.2012 zu beschäftigen. Das Unvollständige aber, das ich registriert und gespeichert habe, bedeutet in meinen Augen nicht viel Gutes:

1) Eine österreichische Burschenschaft übernimmt den Vorsitz der DB
Nach meinen Erfahrungen im Dachverband „Deutsche Sängerschaft“ (DS) legen die österreichischen Korporierten wesentlich größeren Wert auf ihr Deutschtum als die deutschen. Das hat in der DS bereits 1992 zur Abspaltung der Österreicher geführt. Wenn nun in einem sowieso schon politisch sehr weit rechts (und bitte jetzt nicht den Klugschiss in Sachen „rechts bezeichnete in der Paulskirche die Monarchisten…bla, bla“) aufgestellten Verband wie der DB Österreicher den Vorsitz übernehmen, dann höre ich jetzt schon die Aufrufe zum Kampf um Südtirol, gefolgt von denen um das Elsass und die Ostgebiete und sehe grauenhafte Definitionen in Sachen „Zugehörigkeit zum deutschen Volk“ auf uns zukommen.


2) Norbert Weidner wurde seins Amtes als Chefredakteur der Burschenschaftlichen Blätter enthoben.
Na und? Der hat halt mal semi-öffentlich Dietrich Bonhoeffer verunglimpft und ist auch sonst nicht gerade ein Sozi. Aber glaubt mir, Freunde, da hat die DB mit Sicherheit noch ganz andere Kaliber auf Lager. Weidner war negativ öffentlichkeitswirksam – deswegen ist er weg. Aus anderen Gründen hätte es für seine Absetzung auch keine Mehrheit gegeben – woher denn auch plötzlich, wenn es die wenige Monate vorher in Eisenach auch nicht gab?


3) Man darf jetzt nebst Angehöriger der DB noch immer Mitglied in verfassungsfeindlichen Organisationen sein – nur nicht in „nationalsozialistischen“.
Ganz toll, die Herren. Verarschen kann ich mich selber. Keine einzige Organisation, die sich selbst als „nationalsozialistisch“ bezeichnet, dürfte in Deutschland länger als 3 Sekunden legal bleiben. Bei allen, die sich selber nicht so bezeichnen, kann man prima leugnen, dass sie’s seien und sich in Ewigkeit darüber streiten – siehe NPD. Eine absolute Luftnummer also. Die DB hält von NPD über RAF bis hin zu militanten Islamisten anscheinend alles mit sich vereinbar.


Das Schlimme also: es hat sich rein gar nichts geändert zwischen Eisenach und Stuttgart. Den Rechtsruck der DB, den die Presse herbei schreibt, gibt es nicht. Sie war schon länger so rechts – oft über den akzeptablen Rand hinaus – wie sie das ist, bestätigt hat und bleiben will. So scheint es mir zumindest und so gilt das meines Wissens seit spätestens 1920.


Jetzt kommt es nur noch darauf an, wie viele und welche individuellen Burschenschaften die DB verlassen werden. Darauf bin ich sehr gespannt. Und das ist eigentlich auch sehr praktisch für den Verfassungsschutz. Denn die Beobachtungswürdigen verbleiben brav zu einem Dachverband zusammengeschlossen und zerstreuen sich nicht lästiger weise in alle Himmelsrichtungen des Untergrunds oder der sonstigen Korporationsszene.


Zwei Dinge bleiben zu hoffen. Zum einen, dass eine möglichst breite Öffentlichkeit die Presseberichterstattung verfolgt und unter anderem gelernt hat, dass die DB-Buxen zwar mehrheitlich einen Schatten haben, aber eben nur einen Bruchteil aller Verbindungsstudenten repräsentieren. Zum anderen, dass eben jene Beobachter der Vorgänge verstehen, dass die austrittwilligen Burschenschaften das erst demokratisch auf ihren Conventen diskutieren müssen – bei solchen gravierenden Fragen meist eher langfristig anzusetzende Convente. Die „Guten“ könne sich also nicht sofort offenbaren – sie müssen erst nochmal per Abstimmung überprüfen gehen, ob sie wirklich die Guten sind. Das klingt absurd, hat aber natürlich so seine demokratische Richtigkeit.


Ach ja, drittens bleibt zu hoffen, dass die zukünftige Rest-DB nicht zur völkischen Revolution ansetzt. Diese ständigen Schießereien an der Haupt- und Konstablerwache sind einfach lästig.

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Über trinkzwang

Das Buch:          Männer-WG mit Trinkzwang    ab 02.07.2012 im Handel "Nenn mich gern weiter Burschi. Ich für meinen Teil bin Sängerschafter. Wir singen manchmal auch vor dem Saufen."        Über die Zimmersuche landete ich 1989 in einer Studentenverbindung. Eigentlich wollte ich nur sechs Wochen bleiben, doch es sieht inzwischen so aus, als würde ein ganzes Leben daraus. Denn auf dem Haus gab es nicht nur ein billiges Zimmer, sondern auch immer etwas zu erleben - auch heute noch, wenn ich immer mal wieder da bin. Im Buch kommt viel Alkohol vor, zudem diverse Verbindungen unterschiedlicher Gattung, Trinkrituale, das Fechten, die Frage nach Historismus, Chauvinismus oder harmlosem "Trachtenverein", seltsame Typen, eine vernachlässigte Freundin, ein paar andere Frauen, ein Revoluzzer, die Uni, einige Kneipen, eine jamaikanische Gottheit, die Bands "Minor Threat" und "Fuck No!" und ein sehr schöner Baum.
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