Wir erwarten euch mit frischen Blumen – Einfach mal eine Passage mitten aus dem Buch

Am Anfang des Wintersemesters war nicht viel los. Mein Vordiplom stand noch nicht vor der Tür, und auch als X hatte ich im Winter weniger zu tun als der Erstchargierte des Sommersemesters, in dem das Stiftungsfest lag. Ich tat also, was die meisten Menschen tun, wenn sie Zeit und Energie zur Verfügung haben: gar nichts – jedenfalls wenig Sinnvolles. Ich zockte mit Axel ein paar behämmerte PC-Spiele um die Wette, lungerte am Institut oder in der Bar herum und ließ mich von anderen auf dumme Gedanken bringen. Selber war ich sogar zu träge zum Dumme-Gedanken-Entwickeln. Und auf die Idee, mich einfach mal wieder um Nina zu kümmern, kam ich zwar, aber irgendwie war das weit bis da raus zu ihr in die Vorgartenhölle. Stattdessen hing ich also mit meinen Bundesbrüdern auf dem Haus ab. Wir tranken Bier, trainierten manchmal ein bisschen das Fechten (sprich: wir paukten), hörten Musik, sahen fern, verdreckten die Küche, rauchten gelegentlich etwas, redeten unglaublich viel Stuss und waren gut drauf, aber unausgelastet. Wären das Fechten und die Bänder um unseren Hals nicht gewesen, hätte uns in diesen Phasen kaum irgendetwas von einer großen WG in einem schönen alten, aber baufälligen Haus unterschieden. Denn genau das waren wir, wenn wir nicht gerade unsere Rollen als X oder Bierwart oder Besucher bei anderer Verbindung spielten.
Wenn uns allzu langweilig wurde, wir aber trotzdem nicht aus dem Haus wollten, weil es da nass und kalt war, riefen wir die Sängerschaft in Münster oder in Tübingen an.

„Guten Abend, Herr Verbandsbruder. Wer ist doch gleich am Apparat? … Ach, hallo Bernd. Wie läuft’s bei euch? Allein zu Hause? … Dann ist ja gut. Da seid ihr ja genug. Mit mir sind noch mein XX und XXX und unser jüngster Fux, Max, am Apparat. Viergliedrige Telefonstafette in fünf Minuten also! … Was? Nein, es gibt da nichts zu verhandeln. Wir sähen uns sonst leider gezwungen, in der DS zu verbreiten, dass ihr darüber nachdenkt, das Singen und Fechten abzulegen und zu den Katholiken überzulaufen … Gut, wir melden uns dann in fünf Minuten und erwarten, euch mit frischen Blumen vorzufinden.“

Wir zapften uns dann selbst je ein Bier, und ich wählte abermals die Nummer von Münster oder Tübingen.
„Stafettenmannschaft auf eurer Seite bereit? … Gut! Auf unserer Seite vier Glieder. Der Fux wird beginnen. Was dagegen, wenn ich ein Ankommando gebe? … Okay. Es wird lauten ‚Beim nächsten Ton ist es später als vorher und ein Bier weniger … PIEP‘… Alles klar! Kommando zieht scharf. Beim nächsten Ton ist es später als vorher und ein Bier weniger … PIEP.“
Und dann stürzte Max sein Bier. Sobald er es laut und deutlich abgesetzt hatte, kippte Mölle sich seines in den Hals, dann Axel und dann ich. Die drei anderen brüllten zu jedem geleerten Bier ein lautes „eins“ beziehungsweise „zwei, drei, vier“ in Richtung des Hörers, der auf dem Tisch lag, damit Münster oder Tübingen auch wussten, wie weit wir waren. Am anderen Ende der Leitung spielte sich natürlich das Gleiche ab. Wenn kein anderes Stichwort ausgemacht war, rief entweder Tübingen oder Münster oder wir laut „fertig“ in den Hörer, sobald Bier Nummer vier leer war. Dann lachten die Gewinner noch ein wenig die Verlierer aus, sagten ihnen, sie sollten sich Röckchen anziehen und Flöte spielen lernen, und zum Abschluss stellten wir meistens fest, dass man sich bald mal wieder besuchen müsse.

Einige Semester später begutachtete ich mit Max einen Aushang zu den psycho- und drogentherapeutischen Beratungsangeboten des Studentenwerks der Uni.
„Da würd ich gern mal vorbeischauen“, kommentierte Max. „Allein um zu sehen, was die meinen, wenn ich ihnen sage: ‚Guten Tag, ich bin Korporierter. Ich bin zu normalem sozialen Umgang nur noch in der Lage, wenn ich ein Glas Bier in der Hand halte.’ “
„Und ist das erst so, seitdem du hier bist?“
„Ja, vorher ging das auch mit einem Glas Grog, einer Flasche Korn oder einem Spritzbesteck.“
„Ach so. Dann haben wir dich hier natürlich endgültig vermurkst, is klar.“
„Nee, das vielleicht nicht. Aber die Fixierung auf das ‚commentgemäße Gemäß‘ bei allem, was man tut, ist schon krass. Vortrinken, Zutrinken, Salamander reiben, Stärken, Bierjunge, Telefonstafette – und auf der Strafseite Stoffentzug, Bierverschiss und so weiter. Alles Bier, Bier, Bier. Nicht, dass ich was dagegen hätte. Sonst wär ich ja nicht dabei. Aber die Studentenwerkstherapeuten würden uns bestimmt lieben. Die würden uns auf den Mauern der Stadt in Gitterkörben ausstellen und ausrufen: ‚Sehet her, so ergeht es einem jeden, der sich eine Mütze aufsetzen lässt. Eine armselige Kreatur, Scherge der organisierten Trunksucht wird er sein.‘ Und so falsch lägen sie da gar nicht. Ich weiß, dass du ohne kannst und dass ich ohne kann. Aber bei so manchen Bundes- und Waffenbrüdern bin ich mir da nicht so sicher.“

Ich schaute Max einige Sekunden nachdenklich an.
„Ist schon ein bisschen so, ne? Was soll’s. Erst mal’n Bier, oder?“

Wir kauften uns zwei Flaschen am Mensakiosk und tranken sie auf den Stufen zum Hauptgebäude der Juristen.

Es ist tatsächlich erstaunlich, dass das Verbindungswesen nicht mehr echte Alkoholiker produziert, als es das real tut. Der Kult um die traditionelle europäische Kulturdroge Alkohol wird in diesen Kreisen doch sehr hoch gehalten. Trotzdem habe ich nur einige wenige Einzelfälle erlebt, die physische Abhängigkeiten entwickelt hatten. Dramatisch war der Fall eines Alten Herren einer anderen Sängerschaft, der bei einer längeren Wanderung, auf die wir keine „Verpflegung“ mitgenommen hatten, plötzlich Symptome eines heraufziehenden Delirium tremens zeigte. Er redete wirres Zeug, starrte voller Angst in den Wald, regierte seltsam auf Ansprache und schwitzte spontan und übermäßig. Zum Glück erkannte ein mitwandernder Mediziner die Situation und schickte einen jungen Verbandsbruder mit einer Eilmission ins nächste Dorf. Als der nach einer halben Stunde im Laufschritt zurückkam, hatte er zwei Flaschen Bier dabei, die wir dem inzwischen fast bewusstlosen Verbandsbruder einflößten. Der erholte sich daraufhin rasch, und es bedurfte sogar einiger Diskussion, ihn davon zu überzeugen, die Wanderung doch besser abzubrechen. Abgesehen davon aber sind mir nur reguläre mitteleuropäische Freizeit- und Feierabendtrinker aus Mützenkreisen bekannt, die durchaus ein paar Tage oder Wochen ohne können. Solche gehören, auch wenn sie regelmäßige Konsumenten sind, in unseren Breiten schlicht zur Mitte der Gesellschaft.

Ein Abend, der mit einer Telefonstafette mit Münster oder Tübingen begann, konnte in Exzesse ausarten. Oft kam zehn bis fünfzehn Minuten nach der ersten Stafette der Rückruf, meist verbunden mit einer Erhöhung der Teilnehmerzahl.
„Fünfgliedrige Telefonstafette in fünf Minuten. Das werdet ihr ja wohl hinkriegen. Ihr habt doch das Haus voll, oder?“
Die Forderungen anzunehmen, war Ehrensache. Und wenn kein fünfter Trinker zu finden war, trank einer von vieren sowohl an erster als auch an fünfter Stelle. Betrogen wird bei Telefonstafetten niemals, auch wenn das natürlich ein Leichtes wäre. Das gebieten Bierehre und Bierehrlichkeit. Wer bei Telefonstafetten betrügt, der verkauft auch seine kleine Schwester an RTL2.

 

(1) Wenn Blumen verlangt oder erwähnt werden, sind keine Rosen, Tulpen oder Narzissen gemeint. Als Blume bezeichnet nicht nur der Mützenstudent den Schaum auf dem Bier und somit ein frisches, volles, noch nicht angetrunkenes gezapftes Bier. „Ich verlange frische Blumen“, „Darf ich dir aus der Blume helfen“ (beim Anstoßen) oder auch „Blume für die Blume“ (beim Anstoßen mit einer Dame) sind Redewendungen, die daraus hervorgehen. Umgekehrt heißt der letzte Schluck im Glas „die Pfütze“, und man stößt mit einem armen Tropf, der eine solche im Glas hat, mit den Worten „Darf ich dir aus der Pfütze helfen?“ an.
(2) Die telefonische Zeitansage, die 2005 abgeschafft wurde, mag dem einen oder der anderen noch bekannt sein.
(3) Regelgerechtes Getränk
(4) Die meisten dieser Begriffe werden im Verlauf des Buches erklärt. Die anderen sind nicht weiter wichtig und haben auf jeden Fall auch mit dem Trinken von Bier zu tun.
(5) Der „Bierverschiss“ wird auf Kneipen verhängt und ist eine Art vorübergehender Stoffentzug, aus dem sich der Bestrafte paradoxerweise durch Trinken wieder befreien („auspauken“) kann. Natürlich gibt es auch rund um den Bierverschiss einiges an zu beachtenden Regeln, Floskeln und Besonderheiten, die den Rahmen einer Fußnote bei Weitem sprengen würden.

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Über trinkzwang

Das Buch:          Männer-WG mit Trinkzwang    ab 02.07.2012 im Handel "Nenn mich gern weiter Burschi. Ich für meinen Teil bin Sängerschafter. Wir singen manchmal auch vor dem Saufen."        Über die Zimmersuche landete ich 1989 in einer Studentenverbindung. Eigentlich wollte ich nur sechs Wochen bleiben, doch es sieht inzwischen so aus, als würde ein ganzes Leben daraus. Denn auf dem Haus gab es nicht nur ein billiges Zimmer, sondern auch immer etwas zu erleben - auch heute noch, wenn ich immer mal wieder da bin. Im Buch kommt viel Alkohol vor, zudem diverse Verbindungen unterschiedlicher Gattung, Trinkrituale, das Fechten, die Frage nach Historismus, Chauvinismus oder harmlosem "Trachtenverein", seltsame Typen, eine vernachlässigte Freundin, ein paar andere Frauen, ein Revoluzzer, die Uni, einige Kneipen, eine jamaikanische Gottheit, die Bands "Minor Threat" und "Fuck No!" und ein sehr schöner Baum.
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